Mittwoch, 24. September 2008

Halbmast

Ein paar Gedanken zu Flaggen, Schweigeminuten und Diskussionen.

Wie ihr wahrscheinlich alle aus den Medien mitbekommen habt, passierte gestern ein school shooting in Kauhajoki. Sampsa, ein Sozialarbeiter mit dem ich zusammenarbeite kam morgens telefonierend und keuchend ins Büro und stürzte sofort zum Computer, um die neuesten News irgendwie herzubekommen. Eine halbe Stunde nachdem es bekannt wurde, war das gar nicht so einfach. Natürlich war der Amoklauf das Thema des Tages in allen Medien und in allen Unterhaltungen. Heute ist in ganz Finnland auf Halbmast geflaggt und das nicht nur an öffentlichen Gebäuden, sondern auch an jedem privaten Fahnenmast (davon gibt es sehr viele in Finnland, fast in jedem Garten, auch bei uns im Wohnheim). Die Anteilnahme ist rießig und es ist interessant, wie anders die Diskussion über die Sache hier abläuft. Ich kriege es hier nicht mit, wie vielleicht sogar damit in Bayern die letzten Tage des Wahlkampfs noch ein neues Thema bekommen und die alte Diskussion um die sogenannten Killerspiele wieder hochkocht. Ich habe gehört, dass Parallelen zu Erfurt gezogen werden und dass wieder den Computerspielen der Schwarze Peter in die Schuhe geschoben wird. Heute morgen hatte ich eine Diskussion mit Kollegen, darüber, wie das in den finnischen Medien diskutiert wird. Was waren die ersten Assoziationen, die in der tieferen Berichterstattung auftauchten? Sie sagte „we think that it is a society’s problem, not a problem with games“ Es wird über Wege nachgedacht, wie die Gesellschaft schon vorher auf potentielle Täter aufmerksam werden kann. Nicht die Aufgabe der Lehrer solle es sein, den Finger am Puls des Geschehens zu haben, sondern eher die Aufgabe der Sozialarbeiter und Psychologen an den Schulen und die Aufgabe der an die örtlichen Polizeistationen angegliederten Sozialarbeiter. Lehrer haben hier die Aufgabe zu lehren, Stoff beizubringen, das ist etwas selbstverständliches in Finnland. Bei uns werden Lehrer in manchen Schularten mit viel mehr Aufgaben überfrachtet, sie sollen Lehrer, Sozialarbeiter, Psychologen und was auch sonst nicht noch alles gleichzeitig sein. Hier gibt es wirklich für alle diese Aufgaben jemanden, der diese Ausbildung auch wirklich hat. Auch wird über schärfere Waffengesetze nachgedacht - Finnland ist nach den USA und dem Jemen das Land mit der höchsten Waffendichte der Welt, man kann hier bereits mit 15 Jahren (!) Schusswaffen kaufen. Der Sozialarbeiter, mit dem ich hauptsächlich zusammenarbeite, hatte letzte Woche noch darüber nachgedacht, ob wir diese Woche nicht mit einer Jungen-Gruppe die airgun ausprobieren wollen, die seit Jahren im Materiallager des youth departments herumliegt. Ich war aus verschiedenen anderen Gründen dagegen und sehr überrascht darüber, wie lax das hier gehandhabt wird. Finnen haben wohl eine andere Einstellung dazu. Die Ereignisse haben mir Recht gegeben, natürlich hat Heikki es nicht gewagt, die airgun mitzunehmen. Bogenschiessen waren wir gestern trotzdem mit einer Gruppe von Elfjährigen. Es wird natürlich auch über den vermeintlichen „Fehler“ der Polizei diskutiert, die den Täter am Montag noch verhört hatte, unter anderem wegen den Filmchen, die er bei Youtube reingestellt hatte, und die ihm weder die Waffenlizenz entzogen, noch die Waffe sichergestellt hat. Es wird laut darüber nachgedacht, das Internet stärker zu überwachen und man kommt zu der Erkenntnis, dass das Internet eben keine Parallelwelt ist, sondern Teil der Realität. Viele Menschen, die nicht mit dem Internet aufgewachsen sind, spüren, glaube ich, eine bestimmte Ohnmacht oder eine bestimmte Furcht vor dem Internet. Etwas, das „schuld“ ist, wird also auch hier gesucht – in Deutschland sind es die sogenannten Killerspiele, die für manche Menschen eine Angst einflößende unbeherrschbare Komplexität darstellen, und hier ist es das Internet.